Die Mär der permanent steuerrelevanten Daten auf der Blockchain

Wenn Web3-Plattformen verschwinden, drohen steuerrelevante Daten verloren zu gehen.

Aufstieg und Fall der Kryptoplattformen

In den Jahren 2021–2022 entstand ein starker Hype um NFTs (Non-Fungible Tokens) und Web3-Plattformen. Viele Unternehmen und Start-ups entwickelten Plattformen, auf denen Nutzer digitale Sammlerstücke, Posts oder virtuelle Güter handeln konnten.

Der NFT- und Web3-Markt befindet sich seit einiger Zeit in einer Konsolidierungsphase. Mehrere bekannte Plattformen aus der Hochphase des NFT-Booms stellen ihren Betrieb ein oder fahren ihre Dienste stark zurück. Beispiele dafür sind das Social-NFT-Projekt Rodeo.Club, das Loyalitätsprogramm Starbucks Odyssey des Unternehmens Starbucks sowie der NFT-Marktplatz Nifty Gateway.

Während die Diskussion häufig um verlorene NFTs oder Kryptowerte kreist, wird ein anderer Aspekt oft übersehen: Mit dem Abschalten von Plattformen können auch steuerrelevante Daten verloren gehen.

Beispiel Rodeo.Club: Social Media trifft NFTs – und endet abrupt

Rodeo.Club war eine Social-Web3-Plattform, die klassische Social-Media-Posts mit NFT-Funktionen kombinierte. Nutzer konnten Beiträge veröffentlichen, diese als NFTs prägen („minten“) und von anderen Nutzern sammeln lassen. Creator erhielten dabei teilweise Krypto-Rewards oder Gebührenanteile, wenn ihre Inhalte gesammelt wurden.

Im Januar 2026 kündigten die Betreiber die Einstellung der Plattform an. Der Betrieb lief zunächst weiter, bevor er in einen Read-only-Modus wechselte und schließlich am 10. März 2026 vollständig beendet wurde.

Als Grund nannten die Betreiber vor allem zu geringes Wachstum und fehlende wirtschaftliche Skalierbarkeit, obwohl die Plattform eine engagierte Community hatte. 

Für Nutzer wurde ein Zeitfenster eingerichtet, in dem sie ihre Inhalte und Assets exportieren konnten. Medien und Metadaten sollten unter anderem auf das dezentrale Speichernetzwerk Arweave übertragen werden. 

Beispiel eines typischen Geschäftsvorfalles auf der Plattform Rodeo.Club 

Eine Person veröffentlicht ein digitales Bild (z.B. Fotografie, Memes, …) zum Kauf (Mint) auf der Plattform „rodeo.club“. Follower, Fans, Kunstinteressierte oder Spekulanten haben 24 Stunden Zeit, dieses Bild zu minten. Das Bild kann beliebig oft gemintet werden. Die Mints werden in Kryptowährungen bezahlt und über die Ethereum-Blockchain abgewickelt. Der Verkäufer bekommt von der Plattform je verkauftem Bild eine Vergütung i.H.v. 0,00005 ETH. Insgesamt wird das Bild 1,6 Millionen Mal verkauft. Einnahme für den Influencer 82ETH (damals umgerechnet ca. 272.000 €) in 24 Stunden. 

Beispiel Starbucks Odyssey: Wenn große Marken ihre Web3-Experimente beenden

Auch große Unternehmen haben ihre Web3-Projekte teilweise wieder eingestellt.

Starbucks startete 2022 mit Starbucks Odyssey ein NFT-basiertes Treueprogramm. Kunden konnten sogenannte „Journey Stamps“ (NFT-Sammelobjekte) verdienen, indem sie Aufgaben erledigten oder Produkte kauften.

Im März 2024 kündigte Starbucks jedoch an, das Programm zu beenden. Die Plattform wurde zum 31. März 2024 geschlossen, nachdem sie rund anderthalb Jahre im Beta-Betrieb lief. Die NFTs konnten anschließend weiterhin über den Marktplatz Nifty Gateway gehandelt werden.

Beispiel Nifty Gateway: Auch große NFT-Marktplätze verschwinden

Der NFT-Marktplatz Nifty Gateway gehörte zu den bekanntesten Plattformen während des NFT-Booms und wurde von der Kryptobörse Gemini betrieben. Doch auch diese Plattform kündigte 2026 ihren Rückzug an. Der Marktplatz ging in einen reinen Withdrawal-Modus, bevor er endgültig geschlossen wird. Nutzer mussten ihre NFTs und Guthaben in externe Wallets übertragen. Damit verschwindet ein weiterer zentraler Bestandteil der frühen NFT-Ökonomie.

Großes Praxisproblem

Das unterschätzte Problem: Verlust steuerrelevanter Daten

Während NFTs technisch auf der Blockchain bestehen bleiben, gilt das nicht automatisch für alle plattforminternen Informationen. Viele steuerlich relevante Daten liegen nicht direkt auf der Blockchain, sondern in der Plattformlogik oder im Benutzerkonto, etwa:

  • Kauf- und Verkaufspreise von NFTs
  • Creator-Rewards oder Referral-Einnahmen
  • Gebühren der Plattform
  • Zeitpunkte von Transaktionen
  • Zuordnung von Wallet-Transfers zu konkreten Posts oder NFTs.

Wenn eine Plattform offline geht und diese Daten nicht vorher exportiert wurden, kann der Zugriff darauf dauerhaft verloren gehen. Gerade bei Social-NFT-Plattformen wie Rodeo.Club ist das problematisch, weil Einnahmen häufig aus zahlreichen kleinen Transaktionen entstehen.


Blockchain bleibt – Kontext geht verloren

Ein häufiges Missverständnis ist, dass alle Daten dauerhaft verfügbar bleiben, weil sie „auf der Blockchain gespeichert“ sind. Tatsächlich bleiben zwar Wallet-Transfers und Token-Transaktionen öffentlich nachvollziehbar. Was jedoch häufig fehlt, ist der wirtschaftliche Kontext:

  • War eine Transaktion ein NFT-Kauf?
  • Ein Creator-Reward?
  • Eine Plattformgebühr?

Diese Informationen wurden oft nur in der Plattformoberfläche dargestellt. Es ist daher elementar, die Metadaten rechtzeitig zu sichern!

Steuerliche Folgen für Nutzer

Auch wenn eine Plattform verschwindet, bleiben steuerliche Pflichten bestehen. Nutzer müssen ihre Einnahmen weiterhin dokumentieren können. Insbesondere bei ausländischen Plattformen bestehen erhöhte Mitwirkungspflichten für den Steuerpflichtigen. Fehlen Transaktionsdaten oder Plattformhistorien, kann dies später zu Problemen führen, etwa in Form von:

  • fehlenden Nachweisen über Anschaffungskosten
  • unklaren Einnahmen aus Rewards oder NFT-Verkäufen
  • aufwendigen Rekonstruktionen über Blockchain-Explorer und Forensik.

In steuerlichen Prüfungen kann dies im Extremfall (oder besser Regelfall) dazu führen, dass die Finanzverwaltung auf Schätzungen zurückgreifen.

Fazit

Web3 braucht nicht nur Wallets – sondern auch die Archivierung mit funktionalen Dokumentenmanagementsystemen und Verfahrensdokumentationen. Die Schließungen von Rodeo.Club, Starbucks Odyssey und Nifty Gateway zeigen eine wichtige Schwachstelle der Web3-Ökonomie.

Digitale Vermögenswerte wie NFTs oder Kryptowährungen bleiben zwar technisch erhalten, doch die dazugehörigen Plattformdaten können verschwinden. Gerade für Nutzer mit steuerlich relevanten Einnahmen ist daher entscheidend: Transaktionshistorien regelmäßig exportieren, Wallet-Adressen dokumentieren, Rewards und NFT-Käufe archivieren.